Klöster als Träger des Weinbaus
Im Spätmittelalter erreichte der Weinbau im deutschen Raum einen seiner historischen Höhepunkte. Die Ursache war weniger Klimagunst als kirchliche Notwendigkeit: Messwein wurde für jeden Gottesdienst benötigt, und angesichts der damals schlechten Transportwege war lokaler Anbau wirtschaftlich sinnvoll. Klöster und Stifte übernahmen diese Funktion in ganz Mitteleuropa — auch nördlich der heute bekannten Weinbaugrenzen.
Für das Gebiet des heutigen Schleswig-Holsteins sind Hinweise auf Weinbau in mehreren Städten überliefert: Elmshorn, Itzehoe, Preetz und Gülzow. Eine flächendeckende Weinbaukultur wie im Rheinland gab es nicht — aber ein funktionierendes, klostergetragenes Netz kleiner Weinberge, das den lokalen Bedarf deckte.
Der Wein dieser Zeit war vermutlich dünn, säurebetont und kaum mit dem vergleichbar, was heute als Qualitätswein gilt. Aber er existierte — und er wurde angebaut, nicht importiert.
Reformation, Bevölkerungswachstum, Rückzug
Der Niedergang des norddeutschen Weinbaus hatte nicht eine, sondern mehrere Ursachen. Der Historiker Rohlfs vermutete bereits 1878, dass das Klima weniger schuld war als politische und wirtschaftliche Veränderungen.
Die Reformation führte zur Auflösung zahlreicher Klöster — und damit zum Wegfall der institutionellen Träger des Weinbaus. Keine Klöster mehr bedeutete keine Ressourcen, kein Wissen, keine Kontinuität. Gleichzeitig stieg die Bevölkerung Ende des 15. Jahrhunderts stark an: Weinberge wurden zu Ackerland umgewidmet, weil Getreide eine dringendere Notwendigkeit war als Wein.
Hinzu kam der langsam wachsende Fernhandel: Rheinwein und später Bordeaux wurden günstiger verfügbar. Ein mühsam kultivierter Nordwein konnte da wirtschaftlich nicht mehr mithalten. Für mehrere Jahrhunderte verschwand der Weinbau aus dem Norden.
Zwei Freunde und eine Schnapsidee
Im Jahr 2001 saßen Sven von Hedemann-Heespen und Dieter Profitlich auf Gut Deutsch-Nienhof am Kamin und überlegten, ob man im Norden nicht eigenen Wein anbauen könnte. Was als Gedankenspiel begann, wurde zum ersten biologischen Weinbauprojekt Schleswig-Holsteins — zu einem Zeitpunkt, als es noch nicht einmal eine rechtliche Grundlage dafür gab.
Auf kleinen Versuchsflächen probierten sie verschiedene Sorten, scheiterten, lernten und verfeinerten. Als Schleswig-Holstein 2009 offiziell zum Weinbauland wurde, konnten sie bereits auf mehrere Jahre Erfahrung zurückgreifen. Heute ist Gut Deutsch-Nienhof das nördlichste Naturland-zertifizierte Weingut Deutschlands.
Zehn Hektar aus Rheinland-Pfalz
Die Europäische Union reguliert streng, wo und wie viel Wein angebaut werden darf. Für Schleswig-Holstein bedeutete das: ohne Pflanzrechte kein legaler Weinbau. Der damalige Ministerpräsident Peter Harry Carstensen handelte mit seinem rheinland-pfälzischen Kollegen Kurt Beck die Übertragung von zehn Hektar ungenutzter Neuanpflanzungsrechte aus — vermittelt durch Frederik Paulsen, den Pharmaunternehmer und späteren Winzer auf Föhr.
Am 19. Mai 2009 wurden die ersten Reben für den professionellen Weinbau in Schleswig-Holstein gepflanzt. Mehrere Betriebe starteten gleichzeitig: Weingut Ingenhof in Malente, Weingut Montigny in Grebin, Balthasar Ress auf Sylt. Das Weinbaugebiet Schleswig-Holstein war geboren — rechtlich als Landweingebiet klassifiziert, nicht als Qualitätsweinregion. Eine Unterscheidung, die vinologisch weniger bedeutet, als sie klingt.
Bundesweite Aufmerksamkeit
Die ersten vermarktbaren Jahrgänge kamen ab 2013 in den Handel. 2015 belegte der Weißwein „So mookt wi dat" des Weinguts Montigny beim Landesweinbauinstitut Freiburg den zweiten Platz in der Verkostung pilzwiderstandsfähiger Sorten — aus ganz Deutschland. Es war die erste überregionale Auszeichnung für einen Schleswig-Holsteinischen Wein und ein Signal: hier entsteht etwas Ernstzunehmendes.
Auf Sylt folgte Balthasar Ress mit dem „Söl'ring Extra Brut", einem Schaumwein auf Solaris-Basis, der im oberen Preissegment positioniert wurde — und gefunden wurde. Auf Föhr entwickelte das Weingut Waalem ein wachsendes Portfolio, das über Solaris hinausging und Sorten wie Souvignier Gris und Pinotin einschloss.
Zweite Generation, neue Betriebe
Seit 2016 dürfen in allen deutschen Bundesländern jährlich neue Rebflächen bepflanzt werden. Schleswig-Holstein nutzt diesen Spielraum: Zwischen drei und fünf Hektar kommen jedes Jahr hinzu. Die genehmigte Gesamtfläche liegt heute bei 49,6 Hektar, 32 davon sind bepflanzt. 26 Betriebe und Privatpersonen halten Pflanzrechte.
Was sich verändert hat, ist nicht nur die Größe — es ist die Professionalität. Lenz Roeloffs vom Weingut Waalem studierte Önologie in Geisenheim und gilt dort als PIWI-Experte. Die Wittenseer Weinmanufaktur, gegründet 2019, lässt ihre Trauben beim Weltklasse-Weingut Höfflin am Kaiserstuhl ausbauen. Ein Modell, das zeigt: Qualitätssicherung ist auch ohne eigene Kellerei möglich, wenn man die richtigen Partner hat.
Die Frage, die jetzt im Raum steht: Wann bekommt Schleswig-Holstein den Status eines geschützten Qualitätsweingebiets — und was würde das für die Winzer und ihre Weine bedeuten?